Die Welt durch den Sucher sehen


Dinge die wir sehen, sind nie „objektiv“, sondern wir interpretieren sie mit unseren Vorerfahrungen und durch die Einflüsse des jeweiligen Moments.

Markus Diekow

Schon als Kind habe ich gerne hinter und in die Dinge geschaut. Das Äußere war meist nur der erste Impuls, der die Neugierde entfachte. Alles musste aufgemacht, gerne auch zerlegt werden. Zugegeben, nicht immer konnte ich es danach auch wieder zusammensetzen, aber immer ging damit ein besseres, tieferes und mindestens aber anderes Verständnis einher.

Schöne und hässliche, grobe und filigrane, große und kleine Dinge faszinierten mich gleichermaßen. Und so entstand wohl auch meine Liebe zur Literatur. Lange Romane sezieren oft geradezu das Leben und ermöglichen so ein anderes Verständnis. Lyrik entwerfen Bilder, die es zu enträtseln gilt. Und dann erst das Theater, die Oper. Sie übersetzen Texte. Musik und Noten in opulente, lebendige Bilder. Wie viele Stunden habe ich im obersten Rang der Theatersäle verbracht, gebannt von dem Ringen der Regisseur*innen und Bühnenbildner*innen dem Text ein tieferes Verständnis zu geben?

Irgendwann entstand daraus der Wunsch, gleiches zu tun. Die Welt durch Bilder ein wenig besser, vielleicht auch einfach nur anders zu verstehen. Erste Versuche mit der Kamera verharrten noch im Dokumentarischen. Und auch heute sind viele meiner Fotos noch davon geprägt. Auch solche Bilder haben ihre Berechtigung und prägen einen Großteil der kommerziellen Fotografie.

Meine Leidenschaft aber liegt in der freieren Beobachtung. Was erkennt das Gehirn, wenn man lange schaut? Was erkennt es, wenn wir unseren Blick bewusst durch den Sucher beengen oder auch weiten, wenn wir förmlich in die Dinge schauen, oder uns weiter entfernen?

“If you slow things down, you notice things you hadn’t seen before.”

Robert Wilson, Regisseur